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Die im Leib verborgene Begabung

Die im Leib verborgene Begabung

29.01.2024

Nur etwas Unendliches kann sich dauernd selbst erschaffen, in verschiedenen Formen erscheinend, und sogleich über die Grenzen dieser Formen hinausgehen. Denn keine einzige Form kann das Potenzial des Unendlichen in sich fassen.

Die ersten zwei Monate des Jahres 2022 haben sich als besonders erwiesen. In der Luft war etwas Unbegreifliches, etwas Unmögliches zu spüren, das so schien, als ließe es sich nicht ausdrücken oder irgendwie formulieren. In den Nchioachrichtenschauen wurde über einen möglichen Krieg mit der Russischen Föderation gesprochen. Aber das war undenkbar.

Bei der Arbeit mit meinen Patient:innen, und zwar beinahe mit allen, was mich sehr wunderte, waren aussichtslose Unentschlossenheit, ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit spürbar. In der Gegenübertragung tauchten flüchtige Fantasien über den Tod als den einzigen Ausweg aus dieser Situation auf. Ich stellte andauernd die Frage: Um welchen Tod geht es und was kann „der einzige Ausweg aus der Situation“ symbolisch bedeuten? Was war in der Atmosphäre zu spüren? In welchem Verhältnis stand all das zu der jeweiligen Geschichte der einzelnen Pantient:innen und der gesamten Leinwand des Geschehens, in welches die Geschichten aller einzelnen Patient:innen verwoben waren?

Einmal oder, genau genommen, zehn Tage vor dem Kriegsbeginn wachte ich früh am Morgen davon auf, dass ich im Schlaf in Tränen ausgebrochen war. Ich träumte einen Traum, in dem in meinen Armen plötzlich ein Säugling stirbt, der davor bei bester Gesundheit gewesen ist. Ich versuchte, diesen Traum in Bezug auf einen Patienten zu analysieren, mit dem ich am vorangegangenen Abend eine Sitzung hatte. Aber es war in diesem Traum auch noch etwas, was ich als unheimlich und unerklärlich bezeichnen würde. All das spürte ich in meinem ganzen Körper1 und all das stand nicht im Bezug zu meinem Patienten. Ich fokussierte mich auf mein leibliches Gefühl. Mein Leib2 war, als würde er sich dem Nachdenken verweigern, weder innerlich noch äußerlich war mein Leib fähig zu denken. Aus meinem Gedächtnis tauchte die berühmte Arbeit der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo auf Die Liebesumarmung des Universums (1949), die vor meinen Augen zu verschwinden begann. Diese Empfindung war ähnlich wie, als würde die Welt als Wesen nicht mehr von sich wissen lassen. Zeit verschwand und führte zum Verschwinden des Raumes, während Geschwindigkeit und Masse als physikalische Größen des Seins keine Bedeutung mehr hatten. Ich erinnerte mich an Szenen aus dem Film Langoliers (1995), in denen albtraumhafte, zahnige Wesen – die Langoliers – den Raum verschlingen und die Realität unmittelbar vor den Augen verschwindet. Eine Realität, die bereits weder Geschmack noch Geruch hat, sondern nur die unerträgliche Frequenz sich annähernder Audiowellen. Diese Bilder weckten in mir ein Gefühl des Schreckes und der Angst. Gerade die Art von Angst, die sich nicht objektivieren lässt und an die Angst grenzt, die als gottesfürchtig oder als Sinnverlust des eigenen Daseins bezeichnet werden kann. In einem Wort, es war verschwindende Zeit. Sie hat nicht mehr auf das Wahre des Seins verwiesen. Das Sein verließ den Menschensäugling, so wie der Menschensäugling das Sein verließ.

Die Zeit strebte zum Nullpunkt …, aber zur selben Zeit ging im Traum das Leben weiter, weil darin auch andere Beobachter:innen-Figuren anwesend waren, ebenso wie der beobachtende Teil meiner selbst. So, wie Kant es behauptete, sind Zeit und Raum in dem Menschen und deren Verständnis ist von dem menschlichen Bewusstsein geschaffen. Das gilt auch für Leib und Seele. Ebenso sind Materie und Idee – unabhängig einer Beobachtung – in der äußeren Realität, also außerhalb des menschlichen Bewusstseins, nicht existent. Bei meiner Beobachtung erkannte ich zwei sich zeitgleich ereignende Prozesse, als würde sich ein Uhrzeiger zeitgleich nach rechts und nach links bewegen, während Null als ein Zustand der Richtpunkt oder der Zustand der Transformation bliebe. Ein Zustand, der mich selbst betrifft, den ich beobachtet habe und der in meinen Körper geschlossen worden ist. Ein Körper, der, so schien es mir, eine in seinem Inneren verborgene Fähigkeit realisiert hatte.

In meiner Traumvision erschienen diese schrecklichen und angsteinflößenden Gestalten aus meiner Sicht als Erscheinung einer beängstigenden Erfahrung des symbolischen Todes, welcher die Grundlage der Psychoanalyse ist, und gerade deshalb zu einer therapeutischen Wirkung führt, also zu einem Durchleben der Todeserfahrung. Mir kommen die Worte des sowjetischen Philosophen Merab Mamardaschwili (1992) in Erinnerung: „Der Mensch leidet, um nicht zu leiden“.

Im Taijiquan wird das große Äußerste oder die Geburt des Wesentlichen aus dem Nicht-Wesentlichen durch die Ausführung besonderer Übungen angestrebt, bei denen die innere Entspannung des Körpers durch das Streben zum Nullpunkt erreicht wird, und erst danach findet die Extrusion als Mehrfachvergrößerung der Energie statt (Kung 1996). Folglich erfordert die Ausführung der Übungen sozusagen ein ‚Fallen ohne Stütze‘, was dementsprechend Angst auslöst, da die Stützen nur in unserem Bewusstsein existieren. In gewissem Sinne muss der Mensch in seine eigene Offenheit geworfen sein, also dorthin durchdringen, wo nichts davor existiert.

In der deutschen Sprache bildet die Leere den Stamm für das Verb lesen mit der Bedeutung sammeln, also ‚das, was gelesen werden kann‘ (eingesammelt). Runen sind altgermanische Symbole, deren hauptsächliche Bedeutung in dem ‚Geheimnis‘ liegt, das gelesen werden kann, also etwas, was noch unbekannt und dem Bewusstsein unzugänglich ist. In der ukrainischen Sprache ist porozsnetscha (порожнеча) sowie im Russischen pustota (пустота) ein mit nichts gefüllter Raum, also das, was in den Raum entlassen ist und etwas in sich hineinlassen kann. Der Terminus Shunyata im Buddhismus entspringt Śūnyatā (शून्यता) im Sanskrit – Null oder leer – und bedeutet die Abwesenheit eines dauerhaften Ichs des Subjekts.

Das Durchdringen in die Leere oder die eigene Offenheit3 ist aus meiner Sicht die „Fürsorge“4, von der Martin Heidegger (2003) sprach, das, was der Mensch über sich erfahren kann. Fürsorge, die vor jeglicher Anwesenheit liegt. Die Begabung5 zu sein oder die Bestrebung zu leben, die autopoietisch das Motiv hervorbringt.

Mir kommt ein interessantes Treffen mit einem ukrainischen Physik-Ingenieur in den Sinn, bei dem es um den Bau eines ohne Treibstoff funktionierenden Elektrogeneratoren ging. Die Quintessenz der Idee bestand in der Destruktion der Raum-Zeit-Struktur, metaphorisch gesprochen – Destruktion bis hin zur Leere, infolgedessen erfolge eine Verzögerung der Zeit, sodass der Zeitverlauf gestört würde, was in einer tausendfachen Energiesteigerung resultiere.

Warum spreche ich das an und worin besteht der Zusammenhang?

Verschiedene assoziativ erscheinende Termini und in gewissem Sinne verschiedene Kenntnisse bilden meinen Versuch, etwas zu beschreiben, das sich im Körper verbirgt (eine Geschichte, ein Geheimnis, etwas, was verborgen ist). In meiner Praxis bleibe ich weiterhin soweit wie möglich in der neutralen Position der Analytikerin, aber manchmal ist es nicht möglich, das zu tun und zugleich einen Schwerpunkt auf die leiblichen Empfindungen und Zuständen meiner Patient:innen zu setzen, wobei ich in letzter Zeit primär online arbeite. Eugene Gendlin bezeichnet die bewusste Suche des Menschen nach einer ganzheitlichen leiblichen Antwort auf die Situation innerhalb seiner selbst als Focusing (Gendlin 2000). Aus meiner Sicht umfassen sowohl daoistische Praktiken als auch die Ansammlung an Übungen und Techniken das Focusing auf leibliche Zustände und Empfindungen. Diese Zustände können durch Farbe, Geschmack, Umfang, Dichte, Transparenz oder Opazität, Höhe, Statik oder Bewegung, irgendeine andere Struktur usw. charakterisiert werden. Focusing meint Beobachtung des psychoemotionalen Zustands und Arbeit mit den assoziativen Gestalten und Empfindungen, die scheinbar aus dem Nichts hervortreten. Eine Praxis, die lehrt, sein Inneres zu fühlen, das zu fühlen, was auf der Grenze zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten auftritt.

In gewisser Hinsicht eröffnet so ein Focusing dem Menschen Möglichkeiten und Fähigkeiten, seine leiblichen Zustände und Empfindungen zu artikulieren. Als ob der Leib des Menschen zum Sprachorgan würde und sich in der Lage befinde, das auszudrücken, was leiblich verborgen oder in den materiellen Körper geschlossen ist. Das, was gefühlt und empfunden werden kann. Die gesamte Geschichte des Menschen ist in seinem Körper verborgen und gelegentlich aktualisiert der Mensch durch sehr unbestimmte leibliche Empfindungen seine Gegenwart. Jedoch ist diese Gegenwart nicht die chronologische Gegenwart, sondern diejenige, die mit seiner Vergangenheit und mit seiner Zukunft verbunden ist.

Ein Beispiel aus einer Sitzung: N. bricht abrupt das Sprechen ab und versinkt ins Schweigen. Das hält eine Zeit lang an und ich frage: „Was empfinden Sie?“. Das Schweigen hält noch eine Weile an, danach sagt N.: „Es ist etwas im Körper“. Ich stelle die Frage: „Können Sie diese Empfindung beschreiben und an welcher Stelle empfinden Sie diese?“. N. führt fort: „Sie konzentriert sich in der Gegend zwischen Schlüsselbeinen und unterem Bauchrand. Es ist etwas Kaltes, Hellgraues, einem Zylinder Ähnelndes, aber eher ein Quadrat …, ich verstehe nicht, wie es in mir drin ist, aber mir ist dort ungemütlich …“. Einige Zeit später führt N. fort: Den Erzählungen ihrer Mutter zufolge, erinnert sich N., hatte sie im Alter von einem Monat eine Lungenentzündung und kam für anderthalb Monate in einen Inkubator, da ihr Leben in Gefahr war. Interessant war meine körperliche Reaktion – eine gewisse Zeit habe ich Kälte in meinem Körper gefühlt. Ja, mir ist kalt geworden. In dem Moment habe ich gedacht, dass es meine körperliche Reaktion auf N.'s Mitteilung ist. Ich habe mich damals gefragt: „Worüber sprechen wir überhaupt? Und sprechen wir nicht mittels N.'s leiblicher Empfindungen?“ Ich habe keine Antwort. In der nächsten Sitzung erzählte mir N., dass sie einen Quader in einer kalten hellgrauen Farbe gemalt hatte und auf einer der Flächen in diesem Quader ein hellblauer Himmel mit einer aufgehenden Sonne gezeichnet waren. Später, nach einiger Zeit, teilte mir N. mit, dass sie gerne geometrische Figuren und Mandalas zeichnet.

Noch eine Facette, die ich gerne anführen möchte: Eine Sitzung Ende Januar, in der A. mir von ihrem Traum erzählt. Sie befindet sich an einem Abgrund und begreift, dass sie auf jeden Fall auf die andere Seite gelangen muss. Und das ist unmöglich, da eine dünne Naht über der Schlucht liegt, auf der diese überquert werden muss. Verzweifelt entschließt sie sich, die ersten Schritte zu machen, und irgendwann taucht ein Mann auf, der ihr die Hand entgegenstreckt, und zusammen finden sie sich auf der anderen Erde wieder. A. ergänzt, dass es so schien, als wollte sie brennend mit ihrem ganzen Körper über die Schlucht kommen, als ob etwas in ihr bereits den Sprung machte. Zwei Monate nach Beginn des Kriegsgeschehens fliegt A., vor dem Krieg fliehend, nach Südasien und entdeckt dort zur eigenen Verwunderung ihr Interesse an Alternativmedizin. Kann das als Sprung ins Unbekannte oder in die Leere betrachtet werden? Interessant ist, dass mein Körper sich damals an das Gefühl des freien Falls beim Fallschirmspringen erinnert hat. Auf welche Weise haben wir damals Kontakt miteinander hergestellt? Nur mit Hilfe von Worten oder war da noch irgendetwas, was nur durch leibliche Empfindung ausgedrückt werden konnte?

Ich erinnere mich an noch ein Beispiel mit einem Patienten, der bei den Sitzungen in letzter Zeit gähnt und in einem schläfrigen Zustand ist und es kann nicht eindeutig behauptet werden, dass der Zustand in Verbindung mit dem Kriegsgeschehen steht. Ähnliche Zustände sind bei ihm lange davor festgestellt worden. Bei dem Versuch, sich auf die Langeweile und das Gähnen selbst als einer leiblichen Empfindung zu fokussieren aber, beginnt der Patient, plötzlich in sich ein dreckig-regnerisches Grau mit dem Geruch von Verfall zu spüren, das keine Grenzen hat. Das ist ein sehr toxischer Zustand, der sich auf mich ebenfalls auswirkt. Die Zustände der Langeweile und des Liturgischen beschreibt der argentinische Psychoanalytiker Chiozza.6 In ihrem Ursprung ist die Langeweile mit dem Schrecken und mit der Angst verbunden, bei der die Haare zu Berge stehen. Im äußersten Fall schläft der Mensch ein, sodass er der Langeweile und dem Ekel entkommt. Dieser Ekel ist es, was körperlich spürbar ist:

„Selbst dann und eben dann, wenn wir mit den Dingen und uns selbst nicht eigens beschäftigt sind, überkommt uns dieses ‚im Ganzen‘, z.B. in der eigentlichen Langeweile. Sie ist noch fern, wenn uns lediglich dieses Buch oder jenes Schabspiel, jene Beschäftigung oder dieser Müßiggang langweilt. Sie bricht auf, wenn ‚es einem langweilig ist‘. Die tiefe Langeweile, in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel hin- und herziehend, rückt alle Dinge, Menschen und einen selbst mit ihnen in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammen. Diese Langeweile offenbart das Seiende im Ganzen“ (Heidegger 1949, S. 46).

Aus meiner Sicht kann die Begabung zur Offenheit in diesem Fall durch die Empfindungen der Aktualisierung der Unfähigkeit zur Realisierung eigener Ideen und Fantasien, Plänen entdeckt werden, die alles in Bedauern und Ärger verwandelt. Meine ich damit gerade den Patienten oder die Analytik? Ist es möglich, im analytischen Raum die Fähigkeit zur Offenheit bei dem einen zu realisieren, ohne dass der andere über sie verfügt? In anderen Worten, wenn der Analytiker den ‚freien Fall‘ in seinem Inneren nicht erlebt, wie kann er dann dem Patienten mitteilen, dass es möglich ist? Wir begegnen ohnehin Situationen, in denen es sich als nicht möglich erweist, etwas zu artikulieren, uns fehlen die Worte. Allerdings ist es interessant, dass der Wortmangel in diesem Augenblick leiblich nicht spürbar ist. Die inneren leiblichen Empfindungen geben manchmal wortgewandt zu verstehen, worum es geht. Ein gewisses Wissen, das dank des Raumes in einem selbst leiblich erkannt wird, das womöglich nur durch den Körper und leibliche Empfindungen eröffnet werden kann.

So sehr wir Menschen das Gefühl der Anwesenheit eines Anderen, uns Unbekannten, fürchten, genauso fürchten wir unsere leiblichen Empfindungen, die in dem inneren Raum in uns hervortreten, der in die leibliche Hülle geschlossen ist. Und das kann die Antwort auf dieses Andere, Unbekannte, sein, das innerhalb und außerhalb von uns ist. Das ist eben die Bewegung vorwärts, diese Bewegung vorwärts resultiert aus dem ständigen freien Fall.

 


1 Zur Begründung der bestimmten Wahl des Vokabulars beziehungsweise zur Unterscheidung der Vokabeln Körper und Leib verweist die Autorin auf deren Etymologie und Gebrauch: „Körper“ – „Körper, Leib; Masse, Gesamtheit, Körperschaft“ (Duden) oder „‚Leib, Rumpf, Gestalt‘. Mhd. korper ist entlehnt (13. Jh.) aus lat. corpus ‚Körper, Leib‘ und verdrängt schließlich das ältere einheimische ahd. līh, mhd. līch zur Bezeichnung des menschlichen und tierischen Körpers“ (DWDS).

2 „Leib“ – „ahd. līb ‘Leben, Lebensweise’ (8. Jh.), mhd. līp ‚Leben, Körper, Magen‘, umschreibend ‚Person, Mensch‘“, allerdings wird „Leib […] in seiner alten Bedeutung ‚Leben‘ vom substantivierten Infinitiv Leben verdrängt“ und die Verwendung der Vokabel bezieht sich hier daher auf „leiblich Adj. ‚den Leib betreffend, körperlich, wirklich, blutsverwandt‘, ahd. līblīh ‚lebend, lebendig‘ (9. Jh.), mhd. līplich ‚körperlich, persönlich, leibhaftig‘“ (DWDS). Die für die Autorin relevante Differenz zwischen den Vokabeln „Körper“ und „Leib“ liegt in diesem Text in der etymologischen ebenso wie semantischen Beziehung der letzteren zu dem Verb „leben“.

3 Anmerkung der Autorin: Offenheit, die eigene Offenheit – die ich hier im Sinn habe, meint die Anerkennung des Potenzials unendlich vieler Formen, in Erscheinung zu treten. Das bedeutet ebenso die Begabung des Menschen, eigenen Raum für Neues zu erschaffen. Dabei entspringt dieses Neue nicht einem Alten, d.h. ist keine Folge. Aus meiner Sicht ist es, wie etwas Unbekanntem und Ungewohnten schutzlos ausgeliefert zu sein. Der Mensch überrascht sich selbst, beziehungsweise er wird von der Tatsache überrascht, dass es kein Vorwissen dazu gibt.

4 Die Autorin verweist auf die Etymologie der Vokabel, die eine zweifache Deutungsmöglichkeit offenbart: „Befürchtung“ einerseits und „Bemühung um Abhilfe“ andererseits (DWDS): „Sorge“ – „mhd. sorge, ahd. sorga, eigentlich = Kummer, Gram“, Bedeutungen: „1. (durch eine unangenehme, schwierige, gefahrvolle Situation hervorgerufene) quälende Gedanken, bedrückendes Gefühl der Unruhe und Angst“ versus „2. Bemühungen um jemandes Wohlergehen, um etwas; Fürsorge“, Redensarten: „für jemanden, etwas sorgen“; „Fürsorge“ – „mhd. vürsorge = Besorgnis vor Zukünftigem, die heutige Bedeutung seit dem 16. Jh.“, Bedeutung: „aktives Bemühen um jemanden, der dessen bedarf“. (Duden) Im Zusammenhang der Heidegger-Lektüre interpretiert die Autorin die ältere Bedeutung der Vokabel im Sinne einer Fürsorge um das schmerzliche, unglückliche Bewusstsein. Diese Fürsorge um sich selbst sowie auch andere offenbare beziehungsweise eröffne im inneren des Menschen etwas zuvor Undenkbares, sodass sie – die Fürsorge – den Menschen verpflichte und antreibe.

5 Hier im Sinne von „Fähigkeit“ mit einem Verweis der Autorin auf die Etymologie der Vokabel, die erneut eine zweifache Deutungsmöglichkeit offenbart: „Gabe“ – „ahd. gāba, mhd. gābe“ kann in Abhängigkeit von der Form einerseits „Geschenk, bestimmte Menge“ (von „geben“) und andererseits „Begabung, Talent“ meinen; „Schon mhd. gābe bezeichnet auch die Eigenschaft, womit einer ausgestattet (begabt, s. unten) ist, also ‘Begabung, Talent’“; auch „hochbegabt Adj. (16. Jh.)“ sowie „Begabung“ – „‚Befähigung, Anlage, Talent‘, vom 14. Jh. an vor allem ein Ausdruck der Rechtssprache für ‚Schenkung, Stiftung, Beschenkung, Vorrechte‘, seit dem 18. Jh., der Bedeutung des Adjektivs folgend, auf geistige und körperliche Anlagen übertragen“ (DWDS).

 6 Vgl. https://funchiozza.com/.

 

Literaturverzeichnis

Duden (1989): „Etymologie“. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Hrsg. v. Günter Drosdowski. Mannheim: Duden Verlag.

Duden online (2022). https://www.duden.de/ [21.11.2022]

DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart (2022) Hg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. https://www.dwds.de/ [21.11.2022]

Gendlin, Eugen T. (2000): „Focusing. Neue psychotherapeutische Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme“. In: Bibliothek der Psychologie und Psychotherapie 82.

Mamardaschwili, Merab (1992): Wie ich die Philosophie verstehe. Moskau: Verlagsgruppe Progress.

Heidegger, Martin (2003): Sein und Zeit. Kharkiv: Folio.

Heidegger, Martin (1949): Was ist Metaphysik?. Frankfurt/M.: Verlag Vittorio Klostermann.

Kung, Chen (1996): Die intrinsischen Energien des T’ai Chi Ch’uan. Kyjiv: Sofia.


Übers. v. Olga Grytska

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